ING News

Luxemburg, 01/10/2020

Die Psychologie der Schulden

  • Jeder zweite Einwohner Luxemburgs glaubt, dass eine spätere Zahlung keine Verschuldung ist
  • Nur 38 % der Einwohner Luxemburgs sehen eine Zahlung mit der Kreditkarte als Verschuldung an (im Vergleich zu 53 % der Verbraucher in Europa)
  • 76 % der Befragten in Luxemburg haben sich dafür entschieden, einen Kredit bei einer Bank oder einem Finanzinstitut aufzunehmen (im Vergleich zu 63 % aller Befragten in Europa)

Mit der inzwischen verfügbaren Fülle an Zahlungsoptionen wird es zunehmend schwierig, zu verstehen, was Schulden sind und was nicht.

Die beiden jüngsten ING-Umfragen befassen sich mit dem Verhalten zum Schuldenmanagement und den Einstellungen der Menschen in 13 europäischen Ländern. Insgesamt haben knapp 26.000 Menschen die Fragen zu ihren Einstellungen hinsichtlich Schulden beantwortet. Mit ihren Antworten haben sie uns Einblicke verschafft, wie sich das Schuldenbewusstsein und der Umgang mit Geld während der Unsicherheit infolge der Pandemie verändert haben. In Luxemburg wurden 526 bzw. 506 Personen im Rahmen der beiden Umfragen befragt.

Welche Zahlungsoptionen stellen tatsächlich eine Verschuldung dar?

Bestimmte Arten von Schulden sind nicht unbedingt einfach zu identifizieren, und außerdem werden Schulden von verschiedenen Leuten nicht immer gleich definiert. Die verschiedenen Zahlungsmöglichkeiten werden mit zunehmender Geschwindigkeit in das sich schnell entwickelnde Finanzsystem integriert. Den Verbrauchern stehen inzwischen viele verschiedene Optionen zur Verfügung. Dazu gehören auch Möglichkeiten zur späteren Zahlung, z. B. jetzt kaufen, später zahlen, die Möglichkeit, Produkte vor dem Kauf auszuprobieren oder auch die Null-Prozent-Finanzierung. Theoretisch könnte jede dieser Möglichkeiten als Verschuldung angesehen werden. Eine Rate verpasst, und schon sind Sie im Verzug. Trotzdem sagt jeder zweite Einwohner Luxemburgs, dass er bei all diesen Möglichkeiten zur späteren Zahlung nicht das Gefühl habe, dass es sich um eine Form der Verschuldung handelt.

In Luxemburg scheint es somit ein geringeres Bewusstsein dafür zu geben, dass bestimmte Zahlungsarten tatsächlich eine Verschuldung darstellen. Ein Drittel der Menschen in Luxemburg gibt an, dass sie nicht das Gefühl haben, sich zu verschulden, wenn sie sich für eine Zahlungsform entscheiden, bei der sie die Produkte vor dem Kauf ausprobieren können.

Bei den Antworten auf die Fragen, ob beispielsweise ein Angebot „jetzt kaufen, später zahlen“ oder auch „ein Produkt vor dem Kauf auszuprobieren“ tatsächlich eine Form der Verschuldung darstellen oder nicht, zeigt sich bei den Teilnehmern ein hohes Maß an Unsicherheit. 

Hätten Sie den Eindruck, neue Schulden zu machen, wenn Sie sich für diese Form der Bezahlung entscheiden?

All respondents asked. Survey date:May'20

Aber das Thema Verschuldung geht viel weiter als die Entscheidung für eine spätere Bezahlung an der Kasse. Bei den Leuten, die im Mai 2020 Angaben über ihre traditionelleren Formen der Verschuldung gemacht haben (abgesehen von Hypothekenschulden), waren Kredite von Banken / vom Staat (52 %), Darlehen von einem Händler (22 %), Studentenkredite (15 %), reguläre Überziehungen des Bankkontos (14 %), Monat für Monat unbezahlte Kreditkartenabrechnungen (10 %) und Darlehen von Freunden und der Familie (7 %) die beliebtesten Formen der Verschuldung.

In Luxemburg haben nur 21 % der Menschen mit einem Kredit bei einem Finanzinstitut ausgesagt, dass sie hinsichtlich der Art der Verschuldung keine Wahl hatten, wohingegen 33 % der Teilnehmer in Europa mit Kredit bei einem Finanzinstitut angegeben haben, dass sie sich für diese Art der Verschuldung entscheiden mussten. 

Aus welchem Grund haben Sie sich für diese Art der Verschuldung entschieden?

Luxemburg

Interessanterweise war es bei den Teilnehmern mit einem höheren Einkommen wahrscheinlicher, dass sie im Hinblick auf ihre Verschuldung ein Gefühl der Entscheidungsfreiheit haben. Bei den Haushalten mit einem Einkommen von über 7.000 EUR pro Monat haben 81 % der Teilnehmer in Europa ausgesagt, dass sie sich bewusst für einen Kredit von einem anerkannten Finanzinstitut entschieden haben, wohingegen nur 56 % der Personen mit einem Einkommen zwischen 500 EUR und 1000 EUR dieser Aussage zugestimmt haben. 

Die Attraktivität der späteren Bezahlung

Laut der Verhaltensforschung (den Artikel von Dan Ariel „Why don’t people manage debt better“ finden Sie hier) scheinen die Menschen sich ganz leicht davon überzeugen zu können, dass Schulden in Form eines Bankkredits tatsächlich gar keine Form der Verschuldung darstellen. Mit Angeboten wie „Jetzt kaufen, später zahlen“ wird der schmerzliche Zeitpunkt aufgeschoben, die tatsächliche Zahlung leisten zu müssen. Eine kognitive Verzerrung verleitet uns dazu, den zukünftigen Schmerz bei der Begleichung unserer Schulden zu unterschätzen. Bei einer Händlerfinanzierung gibt es (anders als beim Bankkredit) keinen Rückzahlungsplan, sodass es den Leuten noch leichter fällt, sich selbst an der Nase herumzuführen.

Wie eine Studie von Féidhlim McGowan, Doktorand am Trinity College in Dublin (die Studie finden Sie hier), zeigt, tendieren die Menschen auch dazu, falsche Schlüsse im Hinblick auf die langfristigen Kosten zu ziehen. So werden beispielsweise die anfallenden Kosten unterschätzt, und am Ende zahlen sie während der Laufzeit mehr für ein Produkt, als es tatsächlich bei einer sofortigen Bezahlung gekostet hätte. Als Beispiel werden zwei Möglichkeiten zum Handykauf miteinander verglichen -- a) ein „kostenloses“ Gerät mit Vertrag (für Anrufe, SMS und Daten) zu 50 € pro Monate für zwei Jahre (Gesamtkosten 1.200 €), oder b) direkt 500 € für das Gerät bezahlen und einen Vertrag für 20 € pro Monat abschließen (Gesamtkosten 980 €).

Schulden können sinnvoll sein

Schulden können ein sinnvolles Mittel für das Haushaltsmanagement sein -- aber unsere Umfrage deutet darauf hin, dass sie in vielen Fällen einen schlechten Ruf abbekommen, der wahrscheinlich damit zusammenhängt, ob die Leute das Gefühl haben, dass sie bei der Entscheidung für die Verschuldung eine Wahl hatten.

Dabei besteht der erste Schritt für ein gutes Schuldenmanagement darin, die Verschuldung als solche zu erkennen. Laut der Studie geben tatsächlich 38 % der Bevölkerung in Luxemburg an, dass ihnen zwischen zwei Zahltagen das Geld ausgeht, und ebenso sagen 38 % der Bevölkerung aus, dass sie weniger verschuldet sein müssten, um das Gefühl zu haben, sich in einer finanziell komfortablen Position zu befinden.

Es ist dabei wenig überraschend, dass die Art des Schuldenmanagements sich darauf auswirkt, ob eine Person eher der Kategorie angehört, die Schulden sinnvoll findet, oder sie als Einschränkung wahrnimmt. Ein klares Verständnis für die Kosten einer späteren Zahlung, die jeweils fälligen Beträge sowie den Zeitpunkt der Fälligkeiten tragen allesamt dazu bei, den eigenen Zahlungsverzug zu vermeiden. Die moderne Technologie kann dazu beitragen, das Thema nicht weiter aufzuschieben und Rückzahlungen nicht zu vergessen. In Luxemburg haben 69 % der Teilnehmer, die ausgesagt haben, dass sie in den letzten 12 Monaten keine Rechnung zu spät bezahlt haben, ihre Rechnungen tatsächlich sofort bezahlt, obwohl sie auch hätten warten können.

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