Können soziale Netzwerke tatsächlich Börsenkurse vorhersagen?

Die Frage ist berechtigt, denn es wimmelt von Artikeln über die angeblichen Fähigkeiten zur Vorhersage von Börsenentwicklungen, über die soziale Netzwerke verfügen sollen, insbesondere Twitter. Mit seinen 320 Millionen Mitgliedern (Stand: 6. Mai 2016) und täglich rund 500 Millionen Tweets bietet das System des Unternehmens mit dem blauen Vogel in der Tat den Vorteil, sofortige und flüchtige Informationen zu verbreiten. Für einige soll Twitter inzwischen sogar das neue Paradies für Empfehlungen und Analysen zu Börsenkursen sein. Mehrere Studien scheinen diese These zu belegen. Die bekannteste hiervon ist die Studie von Informatikern an der Universität von Kalifornien in Riverside zusammen mit einem spanischen Team. Zwischen März und Juni 2010 analysierten sie vier Monate lang das Verhalten von 150 zufällig aus dem amerikanischen Index S&P 500 ausgewählten Unternehmen und stellten eine Korrelation zwischen der Anzahl von Tweets und den Börsenkursen fest. Je zahlreicher und positiver die Tweets über ein Unternehmen, seinen CEO oder seine Produkte waren, desto mehr stieg der Aktienkurs des besagten Unternehmens. Anhand dieser Feststellung erarbeiteten die Forscher eine mathematische Modellierung, die sie auf ein fiktives Portfolio anwandten. Dabei übertrafen sie die anderen auf der Finanzanalyse beruhenden Finanzstrategien um bis zu 11%.

Ein Tweet und alles gerät ins Wanken!

Wäre es von daher möglich, Börsenkurse durch einen einfachen Tweet fallen oder steigen zu lassen? Anscheinend schon, zumindest in den USA, wo Unternehmen annähernd eine Milliarde Euro ausgeben, um ihr Image auf Twitter zu beeinflussen. So reagierte Hillary Clinton im September 2015 mitten im Wahlkampf um die US-Präsidentschaft in einem Tweet heftig auf die Entscheidung eines Biotechnologieunternehmens, die Kosten für eine Behandlung von Toxoplasmose und Malaria um mehr als 5.000% zu erhöhen. In ihrer Nachricht versprach die Kandidatin, nicht mehr und nicht weniger als den Pharmamarkt zu regulieren. Ein paar Minuten nach Veröffentlichung dieser 140 Zeichen waren Biotechnologiewerte an der Nasdaq bereits um 4,5% eingebrochen.

Beispiele dieser Art gibt es viele, so dass sich Analyseunternehmen auf der anderen Seite des Atlantiks auf die Verbreitung von Tweets zur Beeinflussung von Börsenkursen spezialisiert haben und damit Geld verdienen. An einem uns näher gelegenen Ort – in Luxemburg – entwickelt ein Start-up-Unternehmen aus dem FinTech-Bereich Algorithmen für Finanzprognosen, die zum großen Teil auf der Analyse von sozialen Netzwerken beruhen (und nicht nur Twitter). Bei dieser Lösung soll es möglich sein, durch eine Analyse der über die sozialen Netzwerke verbreiteten Stimmung Börsenbewegungen in den folgenden Stunden sowie deren Umfang zu bestimmen.

Ein nicht immer verlässlicher Indikator

Braucht man für den Erfolg an der Börse in Zukunft also nur noch die sozialen Netzwerke? Nein, sicherlich nicht. Auch wenn soziale Netzwerke auf längere Sicht effektiv ein nützliches Analyseinstrument für Finanzexperten werden können, sind sie dennoch nicht unfehlbar. Vor allem deswegen, weil die Daten in den sozialen Netzwerken nicht immer zuverlässig und relevant sind. Unbegründete Gerüchte und Unwahrheiten gibt es zuhauf. Auch wenn der Kurs einer Aktie hierdurch vorübergehend gestört werden kann, normalisiert er sich nach einigen Tagen oder sogar einigen Stunden schnell wieder. Aufgrund der Geschwindigkeit, mit der Informationen verbreitet und interpretiert werden, lassen sich soziale Netzwerke zudem eindeutig von – selbst gut informierten – Privatanlegern nicht auswerten, sondern eher von Tradern, die hochspekulative Strategien einsetzen und kurzfristige bis sehr kurzfristige Gewinne im Auge haben.

Das Wichtigste schließlich ist, dass soziale Netzwerke vergänglich sind. Twitter könnte beispielsweise schneller verschwinden als erwartet. Der blaue Vogel befindet sich derzeit in einer Talsohle und sorgt bei seinen Aktionären und denen, die das Unternehmen verkaufen wollen, für Verluste. Zahlreiche Gespräche mit großen Konzernen wie Google, Microsoft oder Disney, um nur ein paar zu nennen, sind augenblicklich im Gange. Es ist nicht gesagt, dass diese Gespräche zu einer Übernahme führen. Es ist auch nicht gesagt, dass Twitter bei einem neuen Eigentümer genauso wie bisher weitermachen wird.

Selbst Algorithmen, die in sozialen Netzwerken eingesetzt werden oder nicht, können Schwächen haben. Eine jüngste Studie der Universität Cambridge hat gezeigt, dass professionelle Trader die ausgefeiltesten Algorithmen an der Börse schlagen konnten, indem sie auf die Signale ihres eigenen Körpers achteten.

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