Darum sind bei grenzüberschreitenden Fondsverkäufen nicht alle Anleger gleich

Zu den größten Erfolgen der Europäischen Union im Finanzbereich zählt sicherlich die Vereinbarung gemeinsamer Regeln, dank derer Investmentfonds, die in einem Mitgliedsstaat aufgelegt und genehmigt wurden, ohne ein zusätzliches zeit- und kostenintensives Genehmigungsverfahren auch in anderen EU-Ländern vertrieben werden können.

Für Luxemburg war das ganz sicher ein Erfolg. Als erstes EU-Land, das die OGAW-Richtlinie mit Regelungen für den Verkauf von Fonds an normale Privatanleger umgesetzt hat, konnte das Großherzogtum zuerst Vermögensverwalter auf sich aufmerksam machen, die auf der Suche nach einem breiteren Markt für ihre Produkte waren. Gleiches gilt für all die weiteren Dienstleistungen, die notwendig sind, um einen Fonds aufzulegen, zu betreiben und zu vermarkten, von Steuerberatern und Anwälten über Verwalter und Treuhänder bis hin zu Wirtschaftsprüfern.

Die Entwicklung von Fachwissen in all diesen Bereichen hat Luxemburg für Investmentfonds zum Land der Wahl in Europa gemacht. Das gilt sowohl für OGAW-Fonds als auch für alternative Anlageinstrumente, die in Hedgefonds-Strategien, Private Equity oder Immobilien und Infrastruktur investieren. Heute sind die USA weltweit das einzige Land mit einer größeren Fondsbranche als Luxemburg, dessen Fonds nicht nur in Europa, sondern in aller Welt – von Chile bis China – das Vertrauen der Anleger genießen.

Regeln für den Anlegerschutz

Bedeutet das, dass die Luxemburger Fonds allen Anlegern weltweit offenstehen? Nicht ganz. Es gelten auch weiterhin je nach Wohnsitz bzw. in einigen Fällen je nach Staatsangehörigkeit der Anleger einige Einschränkungen für den Vertrieb von Fonds – auch für die Einwohner der an das Großherzogtum angrenzenden Regionen.

Diese Regeln werden nicht willkürlich angewendet. Angesichts der Tatsache, dass Anleger – insbesondere „gewöhnliche“ Menschen – nicht immer beurteilen können, wie hoch die Risiken von Anlagen sind oder wie hoch ihre eigene Risikobereitschaft sein sollte, legen Länder Regeln fest, anhand derer beurteilt werden kann, welche Anlagetypen Privatanlegern angeboten werden sollten.

Dies geschieht bis zu einem gewissen Grad über EU-Richtlinien, die zwischen alternativen Fonds, die sich an fachkundige Anleger wie Finanzinstitute oder professionelle Händler richten, und OGAW-Fonds, die normalerweise allen Anlegertypen offenstehen, unterscheiden. Darüber hinaus bestehen steuerliche Regelungen, die bestimmte Anlagetypen für Anleger aus bestimmten Ländern unattraktiv machen, selbst wenn sie nicht vom Kauf ausgeschlossen sind.

Alternative Investmentfonds unterliegen seit 2013 einem gemeinsamen Regelwerk für den grenzüberschreitenden Handel in Europa. Die Gesetzgebung überlässt es jedoch den einzelnen Ländern zu entscheiden, ob und unter welchen Umständen sie Privatanlegern offenstehen sollen. In Deutschland ist beispielsweise eine Mindestanlage von 200.000 Euro erforderlich, wenn bestimmte Arten von alternativen Fonds an Privatanleger verkauft werden sollen.

OGAW-Fonds richten sich gezielt an Privatanleger. In vielen Fällen können die Fonds in den Ländern, in denen sie für den Handel zugelassen sind, frei vertrieben werden. Es liegt jedoch im Ermessen der Vermögensverwalter, ob sie in verschiedenen Ländern unterschiedliche Versionen eines Fonds anbieten.

Geschäftliche Erwägungen

Einer der Gründe dafür sind die Vorlieben der Anleger, die von Markt zu Markt unterschiedlich sein können. In einigen Ländern ziehen vielleicht die meisten Sparer Zinserträge oder Dividenden vor, die regelmäßig ausgeschüttet werden. Die Anleger im Nachbarland bevorzugen möglicherweise Fonds, bei denen die Erträge in weitere Aktien oder Fondsanteile reinvestiert werden.

Die Gründe, warum ein Fonds den Einwohner eines Landes angeboten wird, denen eines anderen Landes jedoch nicht, können prosaischer sein, z. B. die Kosten für die Herstellung von Werbematerialien für einen Fonds in der Landessprache oder für die Abwicklung der rechtlichen Formalitäten beim Verkauf von Fonds. Das gilt vermutlich vor allem dann, denn der Vermögensverwalter im jeweiligen Land keine besonders umfangreichen Verkäufe erwartet und nicht viel in den dortigen Vertrieb investieren möchte.

Auch die Steuern können zum Thema werden. Zwar gelten EU-weit einheitliche Regeln für den Verkauf von Fonds, aber die Mitgliedsstaaten können ihre steuerlichen Regelungen frei festlegen, sofern die lokalen Fonds dabei nicht gegenüber Fonds aus anderen EU-Ländern bevorzugt werden. Die Besteuerung unterschiedlicher Anlagearten kann die Entscheidung, ob ein Fonds an die Einwohner eines bestimmten Landes verkauft wird, beeinflussen.

In einigen Fällen sind die Staatsangehörigen bestimmter Ländern ggf. sowohl im Heimatland als auch an ihrem Wohnort steuerpflichtig. Das gilt insbesondere für US-Amerikaner. Finanzinstitute, die Einlagen oder Anlagen von ihnen akzeptieren, unterliegen bestimmten Meldepflichten. Daher arbeiten einige Vermögensverwalter nicht für Kunden aus dem USA.

Das bedeutet, dass nicht alle Personen, die in Luxemburg arbeiten oder, in einigen Fällen, dort leben, denselben Regeln für Anlagen unterliegen. Das kann dazu führen, dass Banken und andere Fondsanbieter Verkäufe an bestimmte Anleger einschränken bzw. einschränken müssen. Auch wenn möglicherweise ein EU-Binnenmarkt für Fonds existiert, gelten noch nicht für alle Vermögensverwalter und Anleger genau die gleichen Spielregeln.

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